Sveti Rok - auf der Majstorska Cesta über den Mali Alan - Zadar:
3 Grad! Ich glaub's ja nicht, dass es im September so kalt sein kann. Nebel war heute in der Früh nicht so dicht wie gestern, der blaue Himmel und die Sonne waren deutlich zu sehen. Der Wetterbericht meldete Sonne mit einer Temperatur bis 20 Grad. Fazit: Softshelljacke zusätzlich zur Übergangsjacke, Schal, Stirnband und die geschlossenen Handschuhe wie gestern. Tagwache war wieder um 6 Uhr, und Frühstück hatte ich selbst am Abend eingekauft.
Heute war ich nervös. Ich hatte gestern noch im Internet recherchiert. Die Strecke, die ich fahren wollte, war angeblich gesperrt. Von beiden Seiten gesperrt, doch nur von einer Seite gesperrt, Sperre wurde aufgehoben, Sperre wurde erneut verhängt. Googlemaps zeigte mir eine Sperre in beiden Richtungen. Alles zu. Hm ... Was mach ich nun? Wenn die Meldungen alle widersprüchlich sind, gibt es nur eins: Probieren geht über studieren! Ich fuhr einfach los. Und warum meine Nervosität? Und meine Recherchen? Was war mein Vorhaben?
Die Majstorska Cesta über den Mali Alan.
Die Majstorska Cesta (auf Deutsch "Meisterstraße") ist eine historische, 41 Kilometer lange Schotterstraße über das Velebit-Gebirge in Kroatien. Sie verläuft zwischen Sveti Rok (Lika) und Obrovac (Dalmatien) über den Mali-Alan-Pass (1.044 Meter Höhe). Erbaut wurde sie zwischen 1825 und 1832 im Auftrag des Wiener Hofes unter der Leitung von Major Josip Kajetan Knežić. Sie sollte damals Wien und die Küstenstadt Zadar über das unwegsame Gebirge verbinden. Die Straße wurde komplett in Handarbeit aus Kalkstein gemeißelt. Sie ist weitgehend im Originalzustand des 19. Jahrhunderts erhalten und seit 2007 ein geschütztes Kulturdenkmal.
Der Tulove Grede entlang dieser Strecke ist ein spektakulärer, schroffer Kalksteinfelsen. Dieser Felsen und das gesamte Gebiet dienten als Filmkulisse für die Winnetou-Filme. Zu Ehren von Pierre Brice wurde eine Gedenktafel am Fuße des Tulove Grede an einer Mauer angebracht.
Genau diese Straße war mein Vorhaben!
Um 7 Uhr 51 fuhr ich los. Bei 3 Grad plus. Zurück zur Hauptstraße und nach rechts. Nach 2,5 km bog ich schon ein in die Majstorska Cesta.
Hier war die Majstorska Cesta ja noch eine zivilisierte und gepflegte Asphaltstraße. Aber ich wusste ja, dass das nicht so bleiben würde. Der Nebel löste sich bald auf, und ich tauchte in einen Wald ein. Mal war der Wald dichter, dann wieder etwas lichter. Ab und zu sah ich Kriegsrelikte (aus dem Kroatienkrieg in den 1990er-Jahren) am Wegesrand.
Nach ca. 5,5 km war es aus mit dem gemütlichen Asphalt. Die Straße verwandelte sich in eine wilde Piste aus Schotter, kleinen Steinen, großen Steinen, Furchen von den letzten Regenfällen, Gruben, Löchern, felsigem Untergrund. Das Fahren wurde zur Schwerstarbeit.
Ich kam sogar an einem Hochstand vorbei. Wäre da kein Warnschild gewesen, wäre ich gerne raufgeklettert, um einen Blick auf die Landschaft zu werfen. Allerdings hat die Treppe nicht gerade vertrauenswürdig gewirkt. Also lieber doch nicht. :-)
Die Straße war eigentlich nicht sehr steil. Aber so steinig und unwegsam war es trotzdem mühsam. Ich rutschte immer wieder weg. Einen Sturz wollte ich nicht riskieren. Daher schob ich zeitweise mein Rad.
Der Wald lichtete sich, und auf einmal hatte ich einen offenen Blick auf das Bergpanorama. Ich war oben! Ich war auf dem Mali Alan, dem westlichen Übergang über das Velebit-Gebirge! Ich hatte es tatsächlich geschafft. Die Passhöhe ist unspektakulär. Ein Stein, der nicht einmal eine Inschrift trägt, weist darauf hin, dass man den höchsten Punkt erreicht hat. Aber aus dem Wald herauszukommen und auf einmal eine ganz andere Kulisse vor sich zu haben, war beeindruckend.
Ursprünglich hatte ich mir ja gedacht: die Südrampe ist als sehr schwer fahrbar und in sehr schlechtem Zustand beschrieben, schlechter als die Nordrampe. Daher fahr ich den gleichen Weg durch den Wald wieder zurück. Ich stornierte meine Übernachtung in Zadar und ließ mein Rad an der Passhöhe stehen. Ich machte nur ein paar Schritte zum Fotografieren, als zwei Motorradfahrer neben mir anhielten. Mit österreichischen Kennzeichen. Ich kam ins Gespräch mit ihnen und fragte nach dem Zustand der Südrampe. "Die ist wie eine Autobahn, überhaupt keine Schwierigkeit." Aha? Sie kannten die Straße schon aus dem Vorjahr. Ich wünschte den beiden eine gute Fahrt, holte mein Rad und disponierte um. Auf zur Südrampe!
Autobahn? Ich glaub, die beiden haben da etwas verwechselt. Aber jetzt war ich schon in der Abfahrt. Umkehren war keine Option mehr. Wird schon irgendwie klappen ohne Hals- und Beinbruch.
JESSAS! Was für eine abenteuerliche und wilde Fahrt! Von Hals- und Beinbruch war ich nicht weit entfernt. Bergauffahren auf der Nordrampe war schon mühsam, die Südrampe war nicht minder abenteuerlich.
Die Landschaft hier im Velebit ist schroff, karg, karstig. Die Berge, die einen umgeben, haben etwas Wildes und Bizarres. Die Felsformationen sind überwältigend. Kein Wunder, dass genau diese Berge und diese Kulisse als Drehorte für die Winnetou-Filme genutzt wurden. Ich war beeindruckt von der Landschaft und von dem Kontrast zur Auffahrt durch den Wald. Die Passhöhe ist nicht nur die Grenze der Gespanschaften Zadar und Lika-Senj, sondern auch zwischen der milden adriatischen Klimazone und dem etwas raueren Gebirgsklima des Hinterlandes. Und das zeigt sich auch im Landschaftsbild.
Einerseits war ich von der Landschaft beeindruckt, vom Tulove Grede, der in Sichtweite war und dem ich immer näher kam, andererseits erweckten die zahlreichen Relikte aus dem Kroatienkrieg ein beklemmendes Gefühl. Der Mali Alan war während des Kroatienkrieges in den 1990er-Jahren eine strategisch bedeutsame und umkämpfte Frontlinie und ist daher teils immer noch mit Landminen belastet. Die Straße selbst ist zwar geräumt und offiziell freigegeben, aber abseits der Straße kann man nicht ausschließen, auf eine Landmine zu treffen.
Gräber, Kreuze mit Inschriften und Kriegsruinen sah ich schon im Aufstieg, auf der Abfahrt häuften sie sich.
Der Tulove Grede - berühmte Kulisse in den Winnetou-Filmen - rückte immer näher. Aber nicht nur der Tulove Grede, sondern die gesamte Landschaft war mehrfach Kulisse der Filme. Ich glaub, ich muss mir die Winnetou-Filme noch einmal anschauen. Man glaubt hier an jeder Ecke, dass Winnetou vorbeigeritten kommt.
Das ist er auch schon. Und genau hier wurde im Andenken an Pierre Brice die oben schon erwähnte Gedenktafel angebracht.
Im Hintergrund sah man zeitweise das Meer.
Gleichzeitig wurde die Straße immer abenteuerlicher und spektakulärer. Ich fuhr Kehren, Kurven mit abenteuerlichen Trassierungen. Mit dem Rad war es eine einzige Rutschpartie. Mit dem Auto würde ich diese Straße nicht fahren wollen. Aber mit dem Rad war es Schwerstarbeit, und ich musste sogar beim Bergabfahren ab und zu schieben, weil ich sonst weggerutscht wäre. Mit 42,5 kg Gesamtgewicht war das schon eine große Herausforderung.
Wenn man bedenkt, dass diese Straße vor 200 Jahren gebaut wurde und noch immer so gut erhalten ist, war sie für die damalige Zeit eine Meisterleistung.
Nach 24 km konnte ich wieder auf Asphalt weiterfahren! Uff! Herrlich ging es weiter bergab - ich war immerhin noch auf einer Höhe von 550 m! Hier war auch die Sperre für die Südauffahrt! Somit stimmte die Aussage, dass die Straße zumindest von einer Seite aus gesperrt ist. Kurz nach Modrići erreichte ich die D 54 und gleichzeitig das Ende der Majstorska Cesta. Ab hier fuhr ich den kürzesten Weg nach Zadar. Ich hatte viel Zeit auf der historischen Passstraße verbracht und wollte bald in Zadar, meinem Etappenziel, ankommen. Dieser Teil der Etappe war weniger spannend, eher wieder nervenaufreibend. Je näher ich Zadar kam, desto mehr Autos und LKWs waren unterwegs. Aber das kannte ich ja schon.
Die Stadtgrenze von Zadar erreichte ich um 17 Uhr 26 und buchte ganz kurzfristig erneut eine Unterkunft in Zadar. Diesmal wählte ich ein Hotel, und das gleich für zwei Übernachtungen. Ich bin mit meiner Tour fertig und beschloss, einen Pause-Relax-Tag in Zadar einzulegen, bevor ich mich in den FlixBus setze. Eine Bahnverbindung gibt es ab Zadar nicht, man muss den Bus nehmen. Mein Zimmer ist recht groß, das Badezimmer ebenfalls. WLAN funktioniert perfekt.
Ich war auch schon Abendessen. Leider war das nicht so berühmt. Buffet mit mäßiger Auswahl. Das Salatbuffet war in Ordnung, die warmen Speisen waren eher schwach gewürzt und schmeckten fad. Na ja, Hauptsache ich wurde satt.
Mittagessen: Weckerl mit Käse, 2 Bananen, Orangensaft und Mineralwasser in einer Tankstelle, isotonische Getränke aus meinen eigenen Fahrradflaschen.
Übernachtung: Hotel Kolovare - geräumiges Zimmer, Badezimmer groß, sauber und gepflegt, WLAN funktioniert perfekt. Preis in Ordnung.
Abendessen: Buffet im Hotel - ich hab schon besser gegessen.
Gesamtstrecke 75,33 km
Zeit in Bewegung 7 h 16'
Gesamtzeit 10 h 11'
Temperatur in der Früh 3 °C, tagsüber bis zu 25 °C (in Zadar ist es wärmer. :-))
anfangs Nebel, ab 9 Uhr Sonne pur
Summe aller Steigungen: 867 m
Höhe Sveti Rok: 572 m ü NHN
Höhe Zadar: 5 m ü NHN


































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